Monika Fleischmann, Wolfgang Strauss


Energie_Passagen, 2004

Interaktive Inszenierung im öffentlichen Raum


[link 01]

Kurzdarstellung

Kurzbeschreibung

Die Stadt lesen und (be)schreiben
Das Projekt »Energie_Passagen« bildet den öffentlichen Sprachraum der Stadt als Datenstrom ab. Hunderte von Schlagworten aus aktuellen Zeitungsmeldungen erscheinen im projizierten »Informationsfluss« und werden von künstlichen Computerstimmen vorgetragen. Sobald Passanten einzelne Worte auswählen, bilden sich thematisch verbundene Begriffsnetze im Fluss, die als audiovisuelles Echo erfahrbar werden. Text wird somit aus seinem linearen Kontext gelöst und als mediale Lektüre performativ im Stadtraum inszeniert.
Die Installation »Energie_Passagen« wurde im Rahmen der »Ortstermine 2004« vom 28.10. - 28.11.2004 vor dem Literaturhaus in München erstmals präsentiert.

Mehr => www.eculturefactory.de/energie-passagen

KünstlerInnen / AutorInnen

  • Monika Fleischmann, Fraunhofer-Institut für Medienkommunikation, MARS-Exploratory Media Lab, Sankt Augustin › Biografie [link 02]
  • Wolfgang Strauss, Fraunhofer-Institut für Medienkommunikation, MARS-Exploratory Media Lab, Sankt Augustin

MitarbeiterInnen

  • Adam Butler › Biografie [link 03]
  • Vera Doerk
  • Ansgar Himmel
  • Christina Kleinjohann
  • Bernd Kolbeck
  • Rainer Liesendahl
  • Lina Lubig
  • Andreas Muxel
  • Stefan Paal › Biografie [link 04]
  • Peranovic Predrag
  • Oswin Schmidt
  • Philipp Wever
  • Stephen Williams
  • Lars Zahl
  • Stefanie Zobel

Entstehung

Deutschland, 2004

Partner / Sponsoren

Partner:
Landeshauptstadt München Kulturreferat "Ortstermine 2004": http://www.ortstermine-muenchen.de/
Universität Leipzig: http://wortschatz.uni-leipzig.de/
ArtNetWork - Fleischmann - Strauss: http://fleischmann-strauss.de/works.html
Vogrin Datenprojektion: http://www.datenprojektion.at/
Sponsoren:
Sanyo: http://www.sanyo.de/
nvidea: http://www.nvidia.de/page/home.html
PNI: http://www.pny.de/

Eingabe des Beitrags

, 20.12.2004

Kategorie

  • künstlerische Arbeit

Schlagworte

  • Themen:
    • Mensch-Maschine-Interaktion HCI |
    • Mixed Reality |
    • Medienkunst |
    • Medientheorie
  • Formate:
    • Installation |
    • interaktiv |
    • Internet
  • Technik:
    • Java

Ergänzungen zur Schlagwortliste

  • RSS/XML |
  • C++

Inhalt

Inhaltliche Beschreibung

Energie_Passagen - die Stadt lesen und (be)schreiben

Sprache ist geistige Energie, die eine Stadt prägt. Die Gespräche der Bewohner, die Sprache der Politik und der Medien sind Energieströme. Sie bilden eine unsichtbare Architektur der Stadt, die mit der Installation »vermessen« und sichtbar gemacht wird.

Ausgangspunkt der Energie_Passagen sind Texte des Massenmediums Tageszeitung. Ein automatisiertes Computerverfahren analysiert täglich eine lokale Tageszeitung (die Installation in München beschäftigte sich bsp. mit der Süddeutschen Zeitung) und reduziert sie auf Schlagworte. Die so gefilterten Begriffe erscheinen im großflächig projizierten »Informationsfluss«.

Als Besucher können Sie vor Ort Begriffe auswählen und in den Fluss »einwerfen«. Damit setzen Sie Text-Bewegungen in Gang und lassen Verknüpfungen zwischen den Begriffen hervortreten. Die dabei entstehenden Begriffsnetze schaffen inhaltliche Verbindungen und neue Bedeutungen, die sich von den ursprünglich linearen Texten unterscheiden. Computerstimmen reagieren unmittelbar auf Ihren »Einwurf« und begleiten sie als mehrstimmiges Echo.

Zusätzlich visualisiert eine Weltkarte den Weg, den der Besucher aufgrund seiner Auswahl durch die geografische Landschaft der Nachrichten nimmt. Eine Weltkarte zeigt den geografischen Ursprung der Nachricht.

Sichtbares Ergebnis der interaktiven Prozesse ist die »Living Newspaper«, deren dynamisch generierte Texte ebenso auf den »Informationskubus« projiziert werden. Die De-Konstruktion der Zeitung durch Fragmentierung und Transformation ihrer originären Inhalte ermöglicht neues Lesen und Verstehen. Die künstlichen Stimmen des Flusses laden dazu ein, neue Sinnzusammenhänge zu entdecken.

Energie_Passagen zeigt, wie Bedeutung durch Differenz entsteht und bietet einen sinnlich erfahrbaren Handlungsraum, der neues Kommunikationspotential freisetzt.

Technik

Technische Beschreibung

Die Besucher können an bereitgestellten Computer Terminals individuelle Begriffe oder Kommentare eingeben. Diese werden über "Text to Speech" (TTS) unmittelbar hörbar im Raum, verorten sich im Begriffsnetz und geben ein akustisches Feedback. Die Text to Speech Engine basiert auf der "AT&T Natural Voices Text-to-Speech Engine" (http://www.naturalvoices.att.com), wobei eine Java-Schnittstelle zu Max/MSP (http://www.cycling74.com) geschaffen wurde, um in Echtzeit Geschwindigkeit, Tonhöhe und verschiedene Audioeffekte für die Stimmen zu regeln. Der Computer generiert automatisch die Sprachausgabe aus der Textvorgabe. Das Textanalyse-Programm verarbeitet alle Beiträge zu Schlagworten, die im Begriffsnetz des Informationsflusses deutlich sichtbar farblich codiert werden und die individuellen Sprachräume kennzeichnen. (http://wortschatz.uni-leipzig.de/) Ein Dialog von öffentlichem und individuellem Sprachraum findet statt und verändert den Informationsfluss. Die durch die Sprachauswahl neu gebildeten Cluster bilden somit spezifische Interessenfelder im Gesamtbegriffsnetz.

Die Energie_Passagen entwickeln einen zeitlich und semantisch aufbereiteten, fragmentarisch generierten Informationszugang, der auf der Semantic Map Technologie basiert (http://netzspannung.org/about/tools/semantic-map/). Sie ist als Archiv-Interface entstanden, das aufgrund seiner maschinellen Textanalyse automatische Cluster bildet und damit eine Methode der unscharfen Strukturierung von Information schafft.

In der Weiterentwicklung der Energie_Passagen zu einer linguistischen Anwendungssoftware, wird ein dem Querlesen entsprechendes Verfahren für das Erfassen von Sinnzusammenhängen entwickelt. Diese linguistische Software kürzt Sätze für ShortMessaging und erstellt semantische Felder als Navigationsstrukturen. Multimodale Chronologien zeigen Informationen oder Nachrichten als interaktiven Multi-Layer Film. Sinnzusammenhänge können in Echtzeit generiert werden und erlauben antizipierende Standpunktbildung zur Konstruktion von Wissen.

Hardware / Software

RSS/XML, Java, C++, Max Nato, mySQL, Natural Voives, IBM Via Voice, Inhouse SW

Kontext

Statement

Information visualisieren - Wissensstrukturen sichtbar machen: Visualisierungsformen des Informationsflusses als Kartografierung von Wissen.
Information und Wissen entstehen in Interaktionsprozessen, besonders in sozialen Lernprozessen, und werden vom Individuum unter Einfluss seiner Umwelt aktiv geschaffen. Entsprechend dieser Vorstellung bietet die interaktive Installation Energie_Passagen den Passanten am Ausstellungsort den Status aktiver Betrachter anstatt passiver Konsumenten, um die aus der Tagespresse generierten Inhalte neu zu lesen.
Das Textanalyse-Programm, das für Energie_Passagen entwickelt wurde, untersucht unsichtbare Bezüge und Verknüpfungen in den Pressetexten. Die Ergebnisse der digitalen Analyse werden im Begriffsnetz im Informationsfluss sichtbar. Die Informationsvisualisierung in der Flussprojektion entspricht einer Wissenskarte, d.h. einem grafischen Verzeichnis von Wissensstrukturen. Wie auf einer Landkarte erscheinen Worte als Orientierungspunkte und -knoten in der Informationslandschaft. Diese Kartografierung von Wissen vermittelt Text als »gewebte« Textur statt linearem Fließtext. Die inhaltlichen und visuellen Prinzipien offenbaren leicht überschaubar Verknüpfungen von Themen der Tagespresse, für die sich die Passanten interessieren und die sie durch ihre Wortauswahl aktivieren.


GLOSSAR

Der Titel des Projekts Energie_Passagen basiert auf dem Verständnis von Sprache und Information als geistiger Energie, leitet sich im weiteren ab von Vilém Flussers Begriff der »Passage« als Reise und verweist auf Walter Benjamins »Passagen-Werk«. Das Prinzip der künstlerischen Installation als Messinstrument bezieht sich auf Albrecht Dürers Buch der Messungen.

1) Energie: Der Begriff Energie stammt vom griechischen energéia ab und bedeutet wirkende Kraft. Sprache als geistige Energie bildet das Grundmotiv der Energie_Passagen. Sprache als grundlegendes Moment des Öffentlichen wird im Kontext des öffentlichen Raumes als Sprachraum thematisiert. Ziel ist, die am Ort wirkenden (sprachlichen) Kräfte zu identifizieren, zu »messen« und so den »Genius Loci«, den Geist des Ortes, sichtbar zu machen.

2) Sprachraum: Der Sprachraum als Teil des öffentlichen Raumes bildet sich durch die vielfältigen und heterogenen sprachlichen Äußerungen aller geistigen Kräfte vor Ort. Die Sprache der Politik, der Medien sowie die Stadtgespräche der Bewohner prägen diesen Ort.
Die Metapher des Sprachraums als unsichtbare, dynamische Architektur der Stadt ist Ausgangspunkt für den Versuch, die Energieströme des urbanen Raumes zu vermessen.

3) Begriffsnetz: Visualisierung kontextueller Beziehungen zwischen einzelnen Begriffen im Informationsfluss. Elektronische Wörterbücher sind die Grundlage für die automatisierte Bestimmung der Bedeutungszusammenhänge zwischen diesen Worten.

4) Passage: Vilém Flussers definiert »Passage« als Reise, bei der einzelne Elemente als Fragmente eines größeren Zusammenhangs »durchgangen« werden, um Einzeleindrücke als Teile eines Ganzen zu einem greifbaren Bild zu verdichten. Flussers Passagen-Begriff ist vor dem Hintergrund des Nomadismus zu verstehen, dem zeitgenössischen mobilen Lebensstil der »telematischen Gesellschaft«. Dies entspricht einem Denken in Beziehungen und Relationen im Kontrast zu »sesshaftem« Denken in festen Kategorien.
Auch Walter Benjamins Methode der Text-Montage in seinem »Passagen-Werk« ist Inspiration für das Projekt. Wie der Kulturtheoretiker versucht, »auf alle offenbare Auslegung zu verzichten und die Bedeutungen einzig durch schockhafte Montage des Materials hervortreten zu lassen« (Adorno), so werden in ähnlicher, aber zeitgemäßer Form die Zeitungstexte fragmentiert und den Akteuren als neue »Montage« präsentiert. Die Benutzer sind mit immer neuen Begriffskonstellationen konfrontiert und stellen damit neue Zusammenhänge her.
Vgl. FLUSSER, Vilém: Medienkultur. Frankfurt a. M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 1997.
http://www.zeit.de/2004/12/Passagen-Alpen. (24.10.2004)
Passage als »Ausdruck einer Bewegung, in der sich der Mensch in einer zu Staub und elektronischen Pixel zermahlenen Welt neu zu erschaffen sucht (computiert)«.
Vgl. BENJAMIN, Walter: Das Passagen-Werk. Gesammelte Schriften. Bd. V. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1982.

5) Messung: Energie_Passagen wirkt als Messinstrument und bezieht sich historisch auf Albrecht Dürers »Kunst der Messungen« (1525).
»In der Kunst der Messung« sieht Dürer »den rechten grundt aller malerey«. Nach der Vorstellung von Stadt als Sprachraum entsprechen die sprachlichen Äußerungen und Texte im städtischen Raum Energieströmen. Sie werden durch interaktive, technologisch gestützte Prozesse »vermessen«. Dementsprechend entstehen in Energie-Passagen aufgrund von Messungen bildliche und lautmalerische Äußerungen.
Vgl. DÜRER, Albrecht: Unterweisung der Messung. Nürnberg 1525. 3. Auflage, Nördlingen; Uhl, 2000.

6) Informationsfluss: Der Begriff stammt aus der Kommunikationstheorie und bedeutet kontinuierlichen Austausch notwendiger Informationen zwischen Sender und Empfänger. In den Energie_Passagen werden Texte (der Tageszeitung) analysiert, auf ihre Schlagworte reduziert und in einer Bodenprojektion als Informationsfluss dargestellt. Diese Veranschaulichung von Datenströmen bietet einen nonlinearen und dynamisch generierten Zugang zu Sprache und Information. Darüber hinaus verweist die Installation auf den notwendigen freien Informationsfluss, der für die Zukunft der globalen Informationsgesellschaft erforderlich ist. Dies bezieht sich auf die aktuell geplanten Veränderungen des Urheberrechts und im weiteren auf die Bürgerrechte in der digitalen Gesellschaft. http://www.attac.de/wissensallmende/ (24.10.2004)

7) Living Newspaper: Die interaktive De-Konstruktion der Zeitung durch Fragmentierung und Transformation ihrer originären Inhalte ermöglicht neues Lesen und Verstehen.
Historisch bezieht sich der Begriff der »Living Newspaper« auf sozial-kritische Theaterinszenierungen der UdSSR um 1917, auf das »epische Theater« von Brecht und Piscator aus den 1920er Jahren sowie amerikanische Theaterstücke während des »New Deal arts program« in den 1930er Jahren.

http://xroads.virginia.edu/~MA04/mccain/audiohist/intro5.htm (24.10.2004)

Theorie / Forschung

Reviews/Statements by Sherry Turkle, Christiane Paul, Peter Matussek, Oliver Siebeck, Peter Spielbauer, Itsuo Sakane, Eku Wand, Georg Struck: www.energie-passagen.de/puplicvoices.html

VIDEO Energie-Passagen: www.youtube.com/watch?v=h-naEzCEmFs

Sekundärliteratur

  • SCHULZE, Holger: On Taking Back An Artifical Separation. Intermodal perception in Energie-Passagen by Monika Fleischmann and Wolfgang Strauss. Introduction to the panel Sound Art Visual transmediale.05, February 4th, 2005.
    » http://netzspannung.…assagen-2005-1-en.pdf [link 05]
  • › MARS Projekte [link 06]

» http://energie-passagen.de [link 07]

  • ›  [JPEG | 510 KB ] [link 08]
  • ›  [JPEG | 547 KB ] [link 09]
  • ›  [JPEG | 455 KB ] [link 10]
  • ›  [RealMedia] [link 11]
  • ›  [Windows Media] [link 12]
  • ›  [23 KB ] [link 13]