Monika Fleischmann, Wolfgang Strauss

Energie_Passagen, 2004

Interaktive Inszenierung im öffentlichen Raum

Statement

Information visualisieren - Wissensstrukturen sichtbar machen: Visualisierungsformen des Informationsflusses als Kartografierung von Wissen.
Information und Wissen entstehen in Interaktionsprozessen, besonders in sozialen Lernprozessen, und werden vom Individuum unter Einfluss seiner Umwelt aktiv geschaffen. Entsprechend dieser Vorstellung bietet die interaktive Installation Energie_Passagen den Passanten am Ausstellungsort den Status aktiver Betrachter anstatt passiver Konsumenten, um die aus der Tagespresse generierten Inhalte neu zu lesen.
Das Textanalyse-Programm, das für Energie_Passagen entwickelt wurde, untersucht unsichtbare Bezüge und Verknüpfungen in den Pressetexten. Die Ergebnisse der digitalen Analyse werden im Begriffsnetz im Informationsfluss sichtbar. Die Informationsvisualisierung in der Flussprojektion entspricht einer Wissenskarte, d.h. einem grafischen Verzeichnis von Wissensstrukturen. Wie auf einer Landkarte erscheinen Worte als Orientierungspunkte und -knoten in der Informationslandschaft. Diese Kartografierung von Wissen vermittelt Text als »gewebte« Textur statt linearem Fließtext. Die inhaltlichen und visuellen Prinzipien offenbaren leicht überschaubar Verknüpfungen von Themen der Tagespresse, für die sich die Passanten interessieren und die sie durch ihre Wortauswahl aktivieren.


GLOSSAR

Der Titel des Projekts Energie_Passagen basiert auf dem Verständnis von Sprache und Information als geistiger Energie, leitet sich im weiteren ab von Vilém Flussers Begriff der »Passage« als Reise und verweist auf Walter Benjamins »Passagen-Werk«. Das Prinzip der künstlerischen Installation als Messinstrument bezieht sich auf Albrecht Dürers Buch der Messungen.

1) Energie: Der Begriff Energie stammt vom griechischen energéia ab und bedeutet wirkende Kraft. Sprache als geistige Energie bildet das Grundmotiv der Energie_Passagen. Sprache als grundlegendes Moment des Öffentlichen wird im Kontext des öffentlichen Raumes als Sprachraum thematisiert. Ziel ist, die am Ort wirkenden (sprachlichen) Kräfte zu identifizieren, zu »messen« und so den »Genius Loci«, den Geist des Ortes, sichtbar zu machen.

2) Sprachraum: Der Sprachraum als Teil des öffentlichen Raumes bildet sich durch die vielfältigen und heterogenen sprachlichen Äußerungen aller geistigen Kräfte vor Ort. Die Sprache der Politik, der Medien sowie die Stadtgespräche der Bewohner prägen diesen Ort.
Die Metapher des Sprachraums als unsichtbare, dynamische Architektur der Stadt ist Ausgangspunkt für den Versuch, die Energieströme des urbanen Raumes zu vermessen.

3) Begriffsnetz: Visualisierung kontextueller Beziehungen zwischen einzelnen Begriffen im Informationsfluss. Elektronische Wörterbücher sind die Grundlage für die automatisierte Bestimmung der Bedeutungszusammenhänge zwischen diesen Worten.

4) Passage: Vilém Flussers definiert »Passage« als Reise, bei der einzelne Elemente als Fragmente eines größeren Zusammenhangs »durchgangen« werden, um Einzeleindrücke als Teile eines Ganzen zu einem greifbaren Bild zu verdichten. Flussers Passagen-Begriff ist vor dem Hintergrund des Nomadismus zu verstehen, dem zeitgenössischen mobilen Lebensstil der »telematischen Gesellschaft«. Dies entspricht einem Denken in Beziehungen und Relationen im Kontrast zu »sesshaftem« Denken in festen Kategorien.
Auch Walter Benjamins Methode der Text-Montage in seinem »Passagen-Werk« ist Inspiration für das Projekt. Wie der Kulturtheoretiker versucht, »auf alle offenbare Auslegung zu verzichten und die Bedeutungen einzig durch schockhafte Montage des Materials hervortreten zu lassen« (Adorno), so werden in ähnlicher, aber zeitgemäßer Form die Zeitungstexte fragmentiert und den Akteuren als neue »Montage« präsentiert. Die Benutzer sind mit immer neuen Begriffskonstellationen konfrontiert und stellen damit neue Zusammenhänge her.
Vgl. FLUSSER, Vilém: Medienkultur. Frankfurt a. M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 1997.
http://www.zeit.de/2004/12/Passagen-Alpen. (24.10.2004)
Passage als »Ausdruck einer Bewegung, in der sich der Mensch in einer zu Staub und elektronischen Pixel zermahlenen Welt neu zu erschaffen sucht (computiert)«.
Vgl. BENJAMIN, Walter: Das Passagen-Werk. Gesammelte Schriften. Bd. V. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1982.

5) Messung: Energie_Passagen wirkt als Messinstrument und bezieht sich historisch auf Albrecht Dürers »Kunst der Messungen« (1525).
»In der Kunst der Messung« sieht Dürer »den rechten grundt aller malerey«. Nach der Vorstellung von Stadt als Sprachraum entsprechen die sprachlichen Äußerungen und Texte im städtischen Raum Energieströmen. Sie werden durch interaktive, technologisch gestützte Prozesse »vermessen«. Dementsprechend entstehen in Energie-Passagen aufgrund von Messungen bildliche und lautmalerische Äußerungen.
Vgl. DÜRER, Albrecht: Unterweisung der Messung. Nürnberg 1525. 3. Auflage, Nördlingen; Uhl, 2000.

6) Informationsfluss: Der Begriff stammt aus der Kommunikationstheorie und bedeutet kontinuierlichen Austausch notwendiger Informationen zwischen Sender und Empfänger. In den Energie_Passagen werden Texte (der Tageszeitung) analysiert, auf ihre Schlagworte reduziert und in einer Bodenprojektion als Informationsfluss dargestellt. Diese Veranschaulichung von Datenströmen bietet einen nonlinearen und dynamisch generierten Zugang zu Sprache und Information. Darüber hinaus verweist die Installation auf den notwendigen freien Informationsfluss, der für die Zukunft der globalen Informationsgesellschaft erforderlich ist. Dies bezieht sich auf die aktuell geplanten Veränderungen des Urheberrechts und im weiteren auf die Bürgerrechte in der digitalen Gesellschaft. http://www.attac.de/wissensallmende/ (24.10.2004)

7) Living Newspaper: Die interaktive De-Konstruktion der Zeitung durch Fragmentierung und Transformation ihrer originären Inhalte ermöglicht neues Lesen und Verstehen.
Historisch bezieht sich der Begriff der »Living Newspaper« auf sozial-kritische Theaterinszenierungen der UdSSR um 1917, auf das »epische Theater« von Brecht und Piscator aus den 1920er Jahren sowie amerikanische Theaterstücke während des »New Deal arts program« in den 1930er Jahren.

http://xroads.virginia.edu/~MA04/mccain/audiohist/intro5.htm (24.10.2004)

Theory / Research

Reviews/Statements by Sherry Turkle, Christiane Paul, Peter Matussek, Oliver Siebeck, Peter Spielbauer, Itsuo Sakane, Eku Wand, Georg Struck: www.energie-passagen.de/puplicvoices.html

VIDEO Energie-Passagen: www.youtube.com/watch?v=h-naEzCEmFs

Secondary Literature