Björn-Achim Schmidt

Anatomie Browser

»Ein interaktives Nachschlagewerk zur menschlichen Anatomie«

Im Kernbereich »Muscle Browser« kann der User den Muskelapparat des Menschen kennenlernen.

Im Kernbereich »Muscle Browser« kann der User den Muskelapparat des Menschen kennenlernen.

Content Description

ANSPRUCH, KONTEXT, ZIELSETZUNG

Meine Diplomarbeit will anknüpfen an die anatomische Pionierarbeit Da Vincis, will Licht ins Dunkel bringen und das komplizierte System Mensch so einfach wie möglich darstellen. Sie will anknüpfen an die Arbeiten von Gottfried Bammes und Jenó Barcsay, die mit ihren Anatomiebüchern für Künstler unzähligen Kunststudenten den Zugang zur menschlichen Form ermöglicht haben, zwei Personen, welche die menschlichen Formzusammenhänge mit wissenschaftlicher Genauigkeit erforscht haben und anderen mittels Zeichnungen, Fotografien und Texten mit dem zu ihrer Zeit idealen Medium, dem Buch, nahe gebracht haben. Der Inhalt meiner Arbeit basiert größtenteils auf der anatomischen Arbeit Jenó Barcsays, dessen Wissen über seine einstige Schülerin Emö Simonyi an mich weitergegeben wurde. Meine Arbeit stellt nicht den Anspruch, den Detailgrad, die Präzision oder den Umfang von Barcsays oben genanntem Werk zu erreichen, aber sie stellt den Anspruch, die Essenz seines Buches, das Wissen über die Verortung der menschlichen Anatomie zu verdichten und in kompakterer, einfacherer Weise zugänglich zu machen. Meine Arbeit will dieses Wissen bewahren, möchte es in eine neue Zeit mitnehmen, will es in ein modernes Medium übertragen, um es künftigen Generationen von »Menschenzeichnern« zugänglich zu machen.
Vor allem will meine Arbeit aber eines sein: ein unterrichtsbegleitendes Lehrmittel und Nachschlagewerk für Studenten, welche die für das Zeichnen des Menschen relevante Anatomie erlernen wollen. Die Webseite soll vor allem den Studierenden dienen, die sich in einer Vorlesung mit der Anatomie beschäftigen und konstruktive Anatomiezeichnungen nach einem Aktmodell anfertigen. Der beste Lernerfolg kann erzielt werden, wenn die Graphiken am Bildschirm immer im Abgleich mit dem realen Aktmodell gesehen werden. Ob das später zu Hause geschieht oder ob ein Beamer während der Anatomieklasse die Internetseite an die Wand projiziert, ist dabei nebensächlich. Die Webseite soll es den Anatomiestudenten ermöglichen, ihr erworbenes Wissen zu Hause am Computer zu verifizieren und Unklarheiten zu beseitigen. Sie soll neugierig machen, erfahrungshungrig, sie soll Anstoß geben, die am Bildschirm gesehenen Schemazeichnungen mit der Realität, dem Aktmodell, und der eigenen Zeichnung in Verbindung zu bringen. Zugleich soll sie dazu anregen, das am Bildschirm Gesehene in der Realität zu suchen, am Aktmodell wieder zu finden und in die eigene Zeichnung zu integrieren. Die Schemazeichnungen sollen helfen, die Realität das Aktmodell besser zu verstehen. Die vorliegende Arbeit will als Orientierungshilfe dienen bei der Begegnung mit dem Menschen aus Fleisch und Blut, sie will den Studenten dazu bringen, das »Sehen wieder neu zu lernen«, von alten Überzeugungen abzurücken und Erfahrungen wieder frisch zu sammeln, sich überraschen zu lassen. Das Programm soll eine Hilfe sein, das Konstruktionsschema des Menschen zu verinnerlichen.
Meine Diplomarbeit will sich einreihen in eine Generation neuer Lehrmittel, interaktiver Lehrmittel, wie sie inzwischen an Gestaltungsschulen weit verbreitet sind. Es existieren zu fast allen gängigen Programmen Video Tutorials, mit denen man sich zu Hause Wissen aneignen kann, das man früher in Kursen aufwendig erwerben musste. Diese Arbeit will dazu beitragen, sich wichtiges Wissen über die menschliche Anatomie schneller, eindringlicher und anschaulicher aneignen zu können.


DAS INNOVATIVE DES KONZEPTES

Die interaktive Form meiner Darstellung ist der herkömmlichen Buchform in einigen wichtigen Aspekten überlegen. Zum einen bringt eine Lernwebseite im Internet einige Vorteile ganz allgemeiner Art. Da viele Designer heute über einen Laptop verfügen und mit einem digitalen Zeichentablett arbeiten, haben sie ihren »Arbeitsplatz« meistens dabei, wenn sie unterwegs sind. Auf eine Reise muss man heutzutage keinen schweren Anatomieatlas mehr mitschleppen, will man sicher gehen, dass man alle anatomischen Unklarheiten jeder Zeit ausräumen kann. Gibt es einen Internetzugang, kann man jederzeit dank Laptop auf der entsprechenden Internetseite die eigenen anatomischen Fragen klären.
Viele Grafiker und Digital Artists arbeiten heute bereits den ganzen Tag am Rechner, fertigen ihre Zeichnungen direkt in Photoshop oder Painter an. Eigentlich liegt es auf der Hand, dass es praktischer ist, das Anatomienachschlagewerk auch auf dem Rechner verfügbar zu haben, also nicht gezwungen zu sein, vom Bildschirm wegzugehen, um in einem Buch zu suchen. Man öffnet einfach ein Browserfenster zusätzlich zum Zeichenprogramm, um die eigene Zeichnung mit der anatomischen Darstellung zu vergleichen und Fragen zu klären. Das ist zeitsparender und effektiver. Die Schnelligkeit, die heute beispielsweise in der Computerspiele- oder Filmbranche in der Produktion erforderlich ist, verlangt geradezu nach einer Plattform, die es zum Beispiel Charakterdesignern ermöglicht, anatomische Unklarheiten blitzschnell auszuräumen.
Ein anderer Vorteil dieser Form des E-Learning-Angebots ist die unkomplizierte Möglichkeit zum Ausbau und zur Erweiterung des Inhalts(...?). Gibt es eine neue Lektion, stellt man die Daten einfach ins Internet. Die User der Webseite können den neuen Content sofort direkt abrufen. Bei einem Buch war eine derartige Korrektur nur durch eine aufwendige Neuauflage möglich. Diese Form des Wissensangebots ermöglicht darüber hinaus den mühelosen direkten Kontakt zwischen den Usern der Webseite und den Administratoren, Gestaltern und Programmierern. So können Fehler umgehend beseitigt und positive Anregungen direkt umgesetzt werden. Auch die Erweiterung durch ein Forum, in dem sich die User gegenseitig mit Rat und Tat zur Seite stehen können, wäre einfach zu realisieren.
Die entscheidenden Vorteile gegenüber dem Buch liegen jedoch vielmehr in den methodisch-didaktischen Qualitäten eines solchen Anatomie-E-Learning-Angebots. Die große Stärke einer interaktiven Webseite liegt in der Reduzierung auf das Wesentliche. Das Ziel, Aufschluss über das menschliche Skelett und den Muskelapparat zu geben, muss nicht wie in einem Buch auf unzähligen Seiten verfolgt werden, sondern es reichen drei nebeneinander positionierte Ansichten (Vorder-, Seiten-, Rückansicht), um alle Muskeln ausreichend zu beschreiben. Denn wo in einem Buch mehrere übereinander liegende Muskelschichten nur mit Hilfe mehrerer Zeichnungen auf meist mehreren Seiten erklärt werden können, bietet ein interaktives Programm die Möglichkeit, alle Muskeln in nur einer Ansicht zu erklären. Über einen Regler lässt sich Muskel für Muskel ausblenden, um zu den tiefer liegenden Muskelschichten zu gelangen. Dadurch ist eine direkte Verortung der Muskeln möglich, die jederzeit klar ist, da der einzelne Muskel immer Teil einer Gesamtansicht ist und die erklärenden Darstellungen nicht wie im Buch auf mehreren Seiten verteilt in unterschiedlichen Teilansichten zu suchen sind. So ist der Lernende immer direkt am Objekt und muss keine Transferleistung erbringen, um herauszufinden, welchen Teil des Körpers er gerade betrachtet. Innerhalb von wenigen Sekunden kann der Besucher der Webseite sich ein Bild davon machen, wie die äußere Form des Menschen zustande kommt. Unklarheiten wie bei einer Tafelzeichnung, in der mehrere Linien für mehrere Muskeln übereinander liegen, gibt es nicht. Ein Muskel ist entweder ein- oder ausgeblendet: Ist er eingeblendet, so verdeckt er den Teil der Muskeln, die unter ihm liegen. Diese Art, die menschliche Anatomie kennen zu lernen, ist nur mit einem interaktiven Computerprogramm möglich.


ZIELGRUPPE

Vorrangig richtet sich diese Webseite an Kunststudenten, die eine Anatomieklasse besuchen und über den Aufbau des Menschen Bescheid wissen müssen, also zum Beispiel Studenten, die später als Kunstmaler, Porträtisten oder Illustratoren ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Webseite richtet sich natürlich auch an Industrie- und Kommunikationsdesignstudenten, die im Rahmen ihrer Ausbildung immer wieder mit der Aufgabe konfrontiert sind, in ihren Bildern und Entwürfen den Menschen darzustellen, sei es als entscheidende erzählerische Komponente oder nur als Beiwerk, um zum Beispiel die räumlichen Größenverhältnisse eines Entwurfs oder Konzepts klar zu machen. Unter diesem Aspekt, aber auch unter dem Aspekt der Proportionsbestimmung und Konstruktions-inspiration richtet sich die Webseite ebenso an Architekturstudenten, die, um Räume für Menschen zu entwerfen, bereits früh dazu gezwungen sind, eben diese in Räumen wenn auch nur skizzenhaft - darzustellen. Der Inhalt der Webseite ist aber vor allem für Personen konzipiert, die beruflich jeden Tag mit der Darstellung des Menschen beschäftigt sind: Illustratoren, Kinderbuchillustratoren, Comic- und Storyboardzeichner, Animationszeichner, Concept- und Charakterdesigner - für Menschen, die von Berufswegen den Menschen darstellen müssen, um ihre Ideen zu kommunizieren.
Eine potentielle Zielgruppe der Diplomarbeit sind auch Medizinstudenten, die sich eine bessere Vorstellung der räumlichen Zusammenhänge im Menschen machen und sich einen Überblick verschaffen wollen, um die Gesamtkonstruktion des Menschen zu verstehen, ohne sich in Detaildarstellungen aus verstaubten Anatomieatlanten zu verlieren. Durch den Ausbau der Diplomarbeit würden sich noch ganz andere Potentiale für die medizinische Informationsvermittlung ergeben, worauf ich im Schlussteil noch detaillierter eingehen werde.
Auf einen Nenner gebracht richtet sich diese Arbeit an alle Personen, die sich für den Menschen interessieren, die daran interessiert sind, was sich unter unserer äußeren Erscheinung verbirgt, die herausfinden wollen, welche inneren Zusammenhänge dem Gebilde Mensch seine Form geben.